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Ein paar Thesen, anlässlich der Ausstellung im Herbst 1994 aufgeschrieben

Ich imaginiere einen Menschen und vergesse das Bild wieder; aber nicht schlagartig. Es tritt ein Zersetzungsprozess ein und - in einer Zeit von wenigen Sekunden - zerlegt es sich, zerfliesst, bis es verschwunden ist. Dieses Zersetzen erfolgt anfangs sehr schnell, sodass die oberflächlichen Strukturen des Bildes fast sofort durchdrungen und damit unkenntlich sind. Die inneren Strukturen werden freigelegt; sie zersetzen sich langsam, sodass für Momente fast etwas wie ein stehendes Bild sichtbar wird, das dann verblasst und verschwindet. Um diese stehenden Bilder geht es mir. Das Ganze spielt sich - wie erwähnt - innerhalb weniger Sekunden ab.

Diesen geschilderten Prozess des Verschwindens habe ich als einen sehr grundlegenden Bestandteil des Wahrnehmens, speziell des Sehens erkannt. Der Weg, dies zur Darstellung zu bringen ist naturgemäss nicht der einer bewussten Malerei: Es geht darum ein sich vergessendes Bild - ein Selbstporträt - zu malen. Der Weg ist vielmehr der einer Übersetzung des Vorgangs in die Malerei. Diese Übersetzung ist sehr komplex und sehr langwierig; er geht weit über das "eigentliche" Malen hinaus. Für mich seit mehreren Jahren. Die gewählten Mittel sind im Wesentlichen chinesische Tusche oder Indigoaquarell auf verschiedenem Papier (Karton, Ingres, Japanpapier). Die Tusche wird mit einem Pinsel auf das Papier gespritzt oder geblasen und dann mit einem "Malgerät" schnell verstrichen. Die Tusche trocknet sehr schnell. Der Akt des Malens ist ausschliesslich einer der Hand. Als Malgeräte kommen etwa Holzstäbchen, Bambusstäbchen, Federkiel und Feder zum Einsatz. Je nach Gerät bestimmt sich die Tiefe der freigelegten Schicht. Die chinesische Tusche und das Indigo sind sich, was ihre Eigenschaften angeht, sehr ähnlich. Dennoch sind sie sehr gegensätzlich und konkurrieren sichtlich miteinander. Indigo ist die Winterfarbe und seit meiner Geburt meine Farbe.

Es ist sozusagen eine Forschung mit Bildern. Es gibt eine Wort-Sprache, eine Sprache, die im Wesentlichen zeitlich linear gegliedert ist. Hier ist die Reihenfolge und nicht die räumliche Anordnung der Elemente von Bedeutung. Dann gibt es eine Bild-Sprache, in der umgekehrt die räumliche Anordnung wichtig ist. Ebenso gibt es ein Wort-Denken und ein Bild-Denken, sowie entsprechende Wissenschaften, deren Quintessenz eine Formel oder ein Bild (etwa ein Mandala) sein kann. Beide Prinzipien, Wort und Bild, sind grundlegend voneinander verschieden. Das Wortprinzip ist ein zergliederndes, analytisches Prinzip, das Bildprinzip dagegen ist synthetisch und kreativ.