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Hajo am 24. April 2002

Manche Lebewesen, im Wesentlichen Insekten, teilen ihr Leben in zwei extrem verschiedene und klar voneinander getrennte Phasen: Larva und Imago.

Es ist schon lange her, als ich feststellte, dass die meisten Leute, die ich kenne, auf ein lineares Gedächtnis zurückgreifen können; sie können ohne Probleme beispielsweise sagen, wann sie das letzte Mal im Urlaub waren oder was sie vor drei Jahren erlebt haben. Mein Gedächtnis unterscheidet dagegen kaum zwischen "vor zwei Jahren" oder "vor einigen Wochen". Mein Leben spielt sich in einer Art gedehnten Gegenwart ab, die eine Spanne von wenigen Wochen - sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft - umfasst. Alles was sich jenseits dieser Zeitspanne befindet, ist von einem Nebel umschlossen, der die Konturen dessen verwischt, was sich darin befindet. Das betrifft meine Vergangenheit und meine Erinnerungen ebenso wie meine Zukunft und meine Planungen. Die Biographie, die ich erfahre, ist daher auch nicht chronologisch geordnet, sondern gleicht eher einem Meer aus dem hier und da eine Insel herausragt. Als ich anfing, darüber nachzudenken, stieg in mir die Befürchtung auf, mein Leben in der Zeitlosigkeit meiner Erinnerungen zu verlieren. Ich erkannte den Vorteil, in dieser beständigen Gegenwart mental nicht zu altern, aber auch die Gefahr, irgendwann zu sterben, ohne das Gefühl zu haben, mehr als nur ein paar Wochen gelebt zu haben. Ich begann, mein Leben als Chronologie zu dokumentieren, meine Texte und Bilder zu datieren, Fotos zu ordnen und einiges mehr. Eine dieser Dokumentationen besteht aus Passbildautomatenfotos, die ich jedes halbe Jahr mache - soweit ich nicht davon abgehalten werde - und in einem Album aufbewahre. Merkwürdigerweise zeigen diese Bilder wiederum etwas, was sich durch die Zeiten kaum verändert und so zu meinem Erinnerungen passt, die keine vergehenden Zeitmodi kennen.